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Tango Argentino: Machotanz oder Beziehungstanz?

Mir begegnen zwei verschiedene Auffassungen des Tango: "Machotanz" und "Beziehungstanz". Ich arbeite mit dem Tango als Beziehungstanz.
 
1. Tango als "Machotanz"
 
Im Tango als Machotanz dominiert der Mann sowohl Choreografie, Gestaltung als auch die Beziehung.
 
Seine Partnerin hat hier eine eher passive und reagierende Rolle. Sie führt seine Vorgaben aus, bringt sich aber nicht mit Eigenem in den Tanz ein. Sie ist innerlich ganz bei ihm, tanzt sozusagen mehr seinen Tanz, als sich selbst. Der Mann intendiert seine Verwirklichung im Tanz, sie ihre Verwirklichung in der Hingabe an ihn. Der Agierende braucht hier die Reagierende und umgekehrt. Die Polaritäten des Männlichen und Weiblichen sind im Paar also deutlich auf Mann und Frau aufgeteilt. Der Mann ist völlig mit seinen spezifisch männlichen Eigenschaften identifiziert, die Frau dementsprechend mit ihren spezifisch Weiblichen. Diese ausdrückliche Polarität hat dem Tango das erotische Klischee eingetragen. Hieraus resultiert die viel beschriebene Einheit von Mann und Frau in diesem Tanz.
 
Satori und Steidl(1999) drücken das folgendermaßen aus:„
Um auf höherer Ebene zu vereinen, ist es nötig, vorher klar zu trennen. Der Tango dehnt die Gegensätze wodurch der persönliche Kosmos des Einzelnen wie des Paares geweitet wird. Das erhöht die Anziehung und schärft die Unterscheidungsfähigkeit. Nur in einer Sphäre deutlicher Polarität kann sich der Eros entfalten. Nur zwischen den Gegensätzen ist Raum für die Sehnsucht. Und der Tango verbindet die Äußersten Gegensätze zu einem harmonischen Ganzen, welches gelegentlich tiefere Erlebnisse der Einheit gewährt“(34).
 
Dieses besondere Abhängigkeitsverhältnis der Partner beinhaltet, wie wir in Kapitel 2.2.1.1 und 0 noch sehen werden, auch problematische Seiten sowohl auf der Tanz – als auch auf der Beziehungsebene.
 
2. Tango als Beziehungstanz
 
Im Tango als Beziehungstanz steht die gleichberechtigte Begegnung von Mann und Frau im Zentrum . Beide verwirklichen sich innerhalb der gleichwertigen doch unterschiedlichen Rollen.
 
Hier geht es für die Frau weniger um ein stereotypes Ausführen seiner Vorgaben, als vielmehr um ein individuelles Ausfüllen des vorgegebenen Rahmens. Dementsprechend hat der Mann hier auch eine einladende, begleitende und einfühlende Haltung. Es werden also sowohl die männlichen als auch die weiblichen Qualitäten innerhalb jedes einzelnen entwickelt und integriert. Dabei lebt der Mann in seiner Rolle nach Außen hin das männliche Prinzip, im inneren aber auch das weibliche. Die Frau drückt nach Außen hin das weibliche Prinzip aus, ist innerlich aber auch vom männlichen bewegt. Die beiden Pole werden trotz der Rollenverteilung in Führen und Folgen als ein sowohl-als auch begriffen.
 
Bei der Tanztherapeutin Petra Klein (2007, 161) heißt es dazu:
 
„Die Partnerschaftsmodalitäten Führen und Folgen lassen Themen wie Autonomie, Abhängigkeit, Dominanz und Macht aufsteigen. Die Erfahrung einer ausgewogenen Balance von Führen und Folgen führt zu einem starken inneren Erlebnis von Zufriedenheit und Harmonie“.
 
Die Tänzer entwickeln dadurch eine breitere Spannbreite an tänzerischen Ausdrucksmöglichkeiten und ermöglichen sich gleichzeitig eine lebendigere und abwechslungsreichere Beziehung. Im Tango tanzt man nicht nur das Einverständnis sondern auch die Auseinandersetzung.
 
„Der Kampf zwischen Mann und Frau wird im Tango zur Lust“
 
(Jorge Luis Borda zitiert in Nau-Klapwijk 2001)
 
Zu dem Thema schreiben Nau Klapwijk (2001, 181):
 
„Die Unverwechselbarkeit der Geschlechterrollen ist für den Tango grundlegend. Mann und Frau erleben das volle Spektrum ihrer Rolle, ohne mit einander in Konkurrenz zu treten. Dies bedeutet, dass jeder die eigene Dualität erleben kann. Das andere Geschlecht, das in jedem schlummert, muss nicht unterdrückt werden, sondern kann im Gegenteil ausgelebt werden, ohne dass damit gleich die Männlichkeit und Weiblichkeit infrage gestellt wird. Die Rollen von Mann und Frau zeigen dadurch deutlich mehr Facetten. Einen Kampf um die Führungsrolle erleben nur Frauen, denen die eigenständige weibliche Rolle fremd ist. Es fällt ihnen schwer, das Folgen mit der Aktivität in Einklang zu bringen, ohne selbst die Führung zu übernehmen. Sie sehen dann den einzigen Ausweg in der Passivität und in der Selbstaufgabe, um dem Mann die Führung überlassen zu können und versuchen dabei pflegeleicht zu sein.“
 
Das hat laut Nau Klapwijk allerdings nichts mit dem ursprünglichen weiblichen Rollenverständis im Tango Argentino zu tun.
 
Diese verschiedenen Ausrichtungen im Tango sind natürlich nicht immer in diesen Extremen zu finden. Es gibt auch das ganze Spektrum dazwischen.